Alicudi: ein abschied von der stille und dem familiären zufluchtsort
Ein Aufatmen der Erleichterung, ein Hauch von Salz auf der Haut, die Sonne, die die Haut wärmt – das sind die Erinnerungen, die mich mit Alicudi verbinden, einer kleinen Insel der Äolischen Inselgruppe. Ein Ort, der seit 34 Jahren ein Rückzugsort für meine Familie ist und dessen Verlust mich nun tief berührt. D.H. Lawrence wusste es schon: Wer einmal dieses Land kennengelernt hat, kann ihm nie ganz entkommen.
Ein haus als zuflucht, eine mutter als anker
Unser Alicudi-Haus war mehr als nur vier Wände und ein Dach. Es war ein „Zimmer von einem selbst“, wie Virginia Woolf es nannte – ein Ort der Kreativität und des Rückzugs für meine Mutter, eine Autorin, die hier oft an Büchern arbeitete, die von der Insel und ihrer Geschichte inspiriert waren. Auch für mich wurde es bei Besuchen zu diesem heiligen Raum. Der Weg dorthin war beschwerlich: Flug nach Palermo, Bootsfahrt, Gepäck auf Esel laden und dann 450 Stufen hinauf – ein wahrer Aufstieg, der einen von der Hektik des Stadtlebens befreit.
Die Stille, die hier herrschte, war nicht leer, sondern erfüllt von einer tiefen, kreativen Energie. Hier, fernab von Ablenkungen, konnte man sich ganz seinen Gedanken und seiner Arbeit widmen.

Boredom als katalysator: eine kindheit zwischen felsen und meer
Als Kind lag ich oft auf dem Limonitgestein, vertieft in meine Walkman-Musik und gelangweilt von der fehlenden Aktivität. Aber auch diese Langeweile war ein Geschenk. Sie zwang mich, mir meine eigene Welt zu erschaffen – aus Steinen, Sonne und Meer. Diese frühen Erlebnisse haben meine Arbeit bis heute geprägt.
Die Insel wurde zu einem Anker, besonders in schwierigen Zeiten meiner Jugend. Während meine Geschwister und ich mit den Herausforderungen des Erwachsenwerdens kämpften, bot Alicudi einen sicheren Hafen. Später, als meine Familie in Amerika lebte und Besuche schwieriger wurden, sehnte ich mich nach dieser ursprünglichen Stille – einer Sehnsucht, die mich mit meiner Mutter verband.

Ein ort der bedingungslosen liebe und des verständnisses
Alicudi war auch der Ort, an dem die Unterschiede zwischen meiner Mutter und mir, die im Alltag oft unausgesprochen blieben, verschwanden. Hier konnte sie ihre Empathie zeigen, die ihr im restlichen Leben oft schwerfiel. Ihre pragmatischen Ratschläge – ein Problem mit der Menstruation? Einfach eine Hysterektomie! – wichen hier einer tiefen, bedingungslosen Liebe. Stundenlang saßen wir schweigend nebeneinander, sie auf dem Bett, ich am Schreibtisch, und schrieben oder lasen, während die Sonne langsam unterging.
Die Abende auf der Veranda, das Kerzenlicht, die Geräusche des Hafens – diese Momente waren unbezahlbar.
Der schmerz des abschieds und die hoffnung auf ein erbe
Letztes Jahr brachte mein Vater eine faltbare Liege mit und wir verbrachten den Nachmittag damit, ihm mit einem elektrischen Rasierer den Kopf zu schneiden – ein Moment der ungezwungenen Nähe, den ich zuvor nicht kannte. Doch dann kam die Nachricht: Meine Eltern hatten das Haus verkauft. Ein Schock, der mich auf einer Zugfahrt traf und eine innere Verschiebung auslöste. Wie konnten sie so eine Entscheidung treffen, ohne uns zu konsultieren? War Alicudi für sie nicht dasselbe wert wie für uns?
Die Wahrheit ist, dass der Verlust nicht das Haus selbst ist, sondern die Menschen, die wir dort waren – die unbeschwerten Stunden, die bedingungslose Liebe, die Stille, die uns verbunden hat. Ein Verlust, der mich dazu bringt, darüber nachzudenken, wie ich meinen eigenen Kindern diese kostbaren Momente schenken kann – Momente, die nicht einfach verschwinden dürfen.
Es ist kein materielles Erbe, das meine Eltern mir hinterlassen haben, sondern die Erkenntnis, dass Worte wichtig sind, bevor sie für immer verstummen. Denn manchmal ist das Wichtigste nicht, was man besitzt, sondern was man verliert.