Springsteen stellt amerika zur rede – und sorgt für zündstoff
Phoenix, Arizona – Ein Mann, eine Legende, ein Rockgott materialisiert sich am Mikrofon, als sei er von jenseits der Wolken herabgeschickt worden. Bruce Springsteen, umgeben von tosendem Applaus eines ausverkauften Mortgage Matchup Centers, lieferte nicht nur ein Konzert, sondern eine politische Botschaft, die die Gemüter erhitzen dürfte.
Ein appell für demokratie und wahrheit
Der „Boss“, gekleidet in ein gestreiftes Hemd, Krawatte und eng anliegende Jeans, hat seine einstigen Rockerboots gegen bequeme Laufschuhe getauscht. Seine 19-köpfige E Street Band, verstärkt durch Gitarrenvirtuose Tom Morello von Rage Against the Machine, bildete den passenden Rahmen für diesen Auftritt. Doch bevor ein einziger Ton erklang, nutzte Springsteen die Bühne für eine eindringliche Ansprache. Er sprach von der Verteidigung amerikanischer Ideale, von Demokratie und Verfassung, und prangerte gleichzeitig die aktuelle Regierung scharf an. „Die America, die ich liebe, die America, über die ich seit 50 Jahren schreibe, war ein Leuchtfeuer der Hoffnung und Freiheit. Sie liegt derzeit in den Händen einer korrupten, inkompetenten, rassistischen, leichtsinnigen und staatsfeindlichen Administration.“
Die Band antwortete mit einer kraftvollen Interpretation von Edwin Starrs Vietnam-Protestsong „War“, gefolgt von „Born in the U.S.A.“ und „Death to My Hometown“ – ein Trio, das Springsteens „Land of Hope & Dreams American Tour“ einleitete. Die Tour, die er als „Feier und Verteidigung Amerikas“ ankündigt, ist mehr als nur eine musikalische Reise; sie ist ein politischer Kommentar.
Die Eskalation mit Trump Der Auftritt in Phoenix löste prompt eine hitzige Reaktion von Ex-Präsident Donald Trump aus, der auf Truth Social mit einem wütenden Posting reagierte und Springsteen als „ausgetrockneten Pflaume“ und „totalen Loser“ bezeichnete. Diese Auseinandersetzung ist kein neues Phänomen. Bereits 2016, als Trump „Born in the U.S.A.“ für seine Wahlkampfkampagne missbrauchte, hatte Springsteen ihn als „Moron“ bezeichnet. Die tiefe Gräben zwischen den beiden sind offensichtlich.
Doch die Beobachtung des Publikums wirft Fragen auf. Auf der Bühne überwogen schwarze Musiker, während im Publikum die Vielfalt der amerikanischen Gesellschaft weniger deutlich wurde. Eine Beobachtung, die den Eindruck verstärkt, dass Springsteens Botschaft möglicherweise nicht alle erreicht.

Ein vermächtnis der arbeiterklasse
Springsteens Geschichte ist Legende: Ein Vater, Kriegsveteran mit Stimmungsschwankungen, und eine Mutter, die als Sekretärin für den Lebensunterhalt sorgte. Aufgewachsen in Freehold, New Jersey, hat er seine musikalische Karriere in kleinen Bands an der Küste begonnen und kämpfte sich bis zum Ruhm. Seine Musik ist geprägt von den Sorgen und Hoffnungen der Arbeiterklasse, von den verlassenen Fabriken und den verschwundenen Arbeitsplätzen. Er ist der Chronist einer Generation, der „Poet Laureate der Blue-Collar-Generation“, wie er selbst sagt.
Springsteen hat sich immer für soziale Gerechtigkeit eingesetzt, thematisierte die AIDS-Epidemie, die Anschläge vom 11. September, Kriege und die Morde an Amadou Diallo, Pretti und Good. Seine Unterstützung für Organisationen wie Amnesty International und die ACLU unterstreicht sein Engagement.
Allerdings ist es ironisch, dass die America, die er in seiner Musik verherrlicht, von rechten Populisten für ihre eigenen Zwecke instrumentalisiert wird. Während er die Zerstörung kleiner Städte durch Deindustrialisierung anprangert, hat er gleichzeitig eine Kultur mitgetragen, in der die Bewohner dieser Städte – oft homogen und wenig repräsentativ für das Schmelztiegel-Amerika – das Gefühl haben, am stärksten benachteiligt zu sein. Und dieses Gefühl der Benachteiligung ist ein mächtiges Werkzeug.
Die Gefahr liegt darin, dass Springsteens Musik, die einst für Hoffnung und Einheit stand, nun dazu missbraucht wird, Spaltungen zu vertiefen und Ressentiments zu schüren. Sein jüngster Song, „Streets of Minneapolis“, der sich mit den tragischen Todesfällen von Renee Good und Alex Pretti auseinandersetzt, ist ein Mahnmal für die Opfer von Gewalt und Ungerechtigkeit. Doch die Botschaft, die er vermittelt, scheint bei einem Teil seines Publikums auf taube Ohren zu stoßen.
Springsteen, ein Babyboomer, der seit Jahrzehnten auf der Bühne steht, hat sich in Phoenix noch einmal für die Werte ausgesprochen, die Amerika ausmachen sollen: Ehrlichkeit, Ehre, Demut, Wahrheit, Mitgefühl, Menschlichkeit, Besonnenheit, Moral, wahre Stärke und Anstand. „Lasst euch von niemandem sagen, dass diese Dinge nicht mehr wichtig sind. Sie sind es! Sie sind das Herzstück dessen, welche Art von Männern und Frauen wir sind, welche Art von Bürgern wir sein wollen und welche Art von Land wir für unsere Kinder hinterlassen wollen.“
Die Frage bleibt, ob Springsteens Appelle tatsächlich etwas bewirken können oder ob sie lediglich in den Ohren derer verhallen, die bereits eine feste Meinung haben. Doch eines ist sicher: Der „Boss“ hat sich einmal mehr als Stimme der Gewissen erwiesen und die amerikanische Gesellschaft vor eine Zerreißprobe gestellt.