Latex auf den laufstegen: couture tannt sich eine neue haut zu!
Die Pariser Modewoche hat gerade ihre diesjährigen Haute Couture-Kollektionen abgeschlossen, und ein unerwarteter Trend stahl allen die Show: Gummi. Ja, richtig gelesen – das Material, das wir normalerweise mit chirurgischen Handschuhen oder Fetischmode assoziieren, hat seinen Weg in die Welt der High Fashion gefunden, und das in einem Ausmaß, das selbst erfahrene Modeexperten überrascht.

Schiaparelli taucht ein in die latex-tiefe
Besonders auffällig war die Kollektion von Schiaparelli, bei der die Hälfte der Looks mit Latex oder Silikon gearbeitet wurde. Daniel Roseberry, der kreative Kopf hinter der Marke, ließ sich von den Tiefen des Ozeans inspirieren, wie er Sarah Mower von Vogue verriet. Die Ergebnisse sind atemberaubend und gleichzeitig verstörend: Ein Latex-Ensemble, das an eine riesige Qualle erinnert, oder eine aus flüssigem Silikon gegossene Büste, die an die Spezialeffekte-Abteilung eines Hollywood-Studios erinnert. Die Ähnlichkeit mit dem unbefleckten Körper eines humanoiden Roboters lässt sich nicht leugnen, was die Kollektion um eine zusätzliche Ebene der Faszination bereichert.
Doch Schiaparelli ist nicht allein. Auch Duran Lantink, der sein Debut für Jean Paul Gaultier gab, experimentierte mit dem Material. Seine Kreationen, darunter ein verzerrter Torso aus TPU (Thermoplastisches Polyurethan), kombiniert mit Latex, schufen einen faszinierenden, fast glitch-artigen Effekt. Bei Dior interpretierte Jonathan Anderson die frühen Werke von Lynda Benglis, die Flüssiglatex direkt auf den Boden goss – eine subversive Hommage an Jackson Pollock. Die Interpretation Andersons manifestiert sich in irisierenden Spuren, die an eine Ölkatastrophe erinnern, und verleiht den Kleidern eine unerwartete Tiefe.
Die Herausforderung der Couture: Handwerkskunst statt Massenproduktion
Die Verwendung von Gummi in der Couture-Welt ist jedoch keine Selbstverständlichkeit. „Latex kann nicht wie Stoff genäht werden“, erklärt Laura Pulice, Gründerin und Designerin von VEX Clothing, deren Latex-Arbeiten bereits von Stars wie Lady Gaga, Beyoncé und Kim Kardashian getragen wurden. „Jede Naht wird flach geschnitten und von Hand geklebt, panelweise – ein Prozess, der eher der Lederverarbeitung als der konventionellen Kleidermacherkunst ähnelt.“ Es gäbe keine Möglichkeit, Latex in Massen herzustellen, keine Abkürzungen. Die handwerkliche Arbeit, die für jedes einzelne Kleidungsstück erforderlich ist, ist für Pulice die wörtliche Definition von Couture.
Die Möglichkeiten sind jedoch vielfältig: Durch unterschiedliche Techniken lassen sich Ruchierungen, Texturen, Marmorierungen und individuelle Farben erzeugen – wobei die Farbmischung besonders hervorzuheben ist. „Latex nimmt Pigmente wie kein anderes Material auf“, fügt Pulice hinzu. Die Geschichte zeigt, dass Gummi bereits in der Vergangenheit eine Rolle spielte: Helmut Lang präsentierte 1995 vier Gummi-Kleider, die schnell zu einer Art Demi-Couture wurden. Auch Thierry Mugler und Alexander McQueen setzten in den 90er Jahren auf das Material.
Vom Fetisch zum Mainstream?
Während Latex einst vor allem mit Fetischmode assoziiert wurde, scheint sich das Bild zu wandeln. Rick Owens, der stets an neuen Textilien experimentiert, arbeitete mit Florence Druart von Torture Garden Latex zusammen. „Ich habe festgestellt, dass Latex heutzutage fast jede Saison auf den Laufstegen zu sehen ist, während es früher nur vereinzelt der Fall war. Es ist nicht mehr nur ein Styling-Element, sondern hat den Raum vollständig erobert“, so Druart.
Die New Yorker Zeitschrift The New Yorker befand 1995, dass Helmut Langs minimaler Ansatz die sexuellen Konnotationen von Gummi abschwächt. Lang selbst sagte, dass die sexuelle Assoziation „fast verschwunden“ sei – bis man das Material trägt. Auch wenn Gummi nicht vollständig entfetischisiert wurde (siehe John Gallianos Kollektion „Hardcore (Fetish and Japan)“ für Dior im Jahr 2003), nähert sich das Material zunehmend dem Mainstream.
Die Couture liebt es, mit anspruchsvollen Materialien zu arbeiten, und die moderne Laufsteg-Szene bietet eine größere Bühne denn je. Der Trend zu Gummi in der Couture-Welt ist ein Beweis dafür, dass Mode ständig neue Grenzen überschreitet und uns dazu anregt, unsere Vorstellungen von Schönheit und Ästhetik zu hinterfragen. Die Zukunft der Couture ist flexibel – im wahrsten Sinne des Wortes.
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