Wildes europa erblüht: eine renaissance der natur – und ihre schattenseiten
Die Zahlen sind verblüffend: In den letzten fünfzehn Jahren ist die Tierwelt in Europa um schätzungsweise 40 Prozent gewachsen. Ein Triumph für den Naturschutz, der jedoch eine komplexe Realität offenbart, wenn man genauer hinsieht. Denn die Rückeroberung der Wildnis geht einher mit neuen Herausforderungen für Mensch und Tier – und wirft Fragen nach der Zukunft des ländlichen Raums auf.
Die stille revolution im toskanischen hinterland
Ein eindrückliches Beispiel für diesen Wandel findet sich in der Provinz Grosseto in der Toskana. Einst geprägt von Landwirtschaft und kleinen Dörfern, die langsam dem Leerstand verfallen, hat sich die Region in den letzten Jahren dramatisch verändert. Die Abwanderung der jungen Generation, der Niedergang der wenigen verbliebenen Industrien und die Aufgabe von landwirtschaftlichen Flächen haben eine Renaissance der Natur ermöglicht. Wälder breiten sich aus, und Wildtiere kehren in Gebiete zurück, die einst vom Menschen dominiert wurden. Dino und Rossana, seit Jahrzehnten in Montorio zuhause, beobachten diesen Wandel mit gemischten Gefühlen.
Die Provinz Grosseto ist dünn besiedelt, und der Großteil der verbliebenen Bevölkerung gehört zur „dritten Lebensphase“. Die jungen Menschen zieht es in die Städte, wo es Arbeitsmöglichkeiten gibt. Doch während die Menschen abwandern, erobert die Natur zurück, was ihr einst gehörte. Die Zahl der Wildschweine steigt, Rehe streifen durch verlassene Bauernhöfe, und sogar Pfauen schlendern vor den Toren alter Burgen umher – wie in Montorio, wo ein stolzer Vogel sein Zuhause in der verlassenen Burg gefunden hat.

Wenn die wildnis ihre eigenen regeln schreibt
Doch die Rückkehr der Wildnis ist nicht ohne Konflikte. Die Tiere haben sich verändert, sind zu Hybriden geworden, deren Abstammung schwer zu bestimmen ist. Die „alten“ Wölfe, einst vom Aussterben bedroht, haben sich mit Haushunden gepaart, was zu einer verworrenen genetischen Mischung geführt hat. Die verbliebenen Hirten klagen über eine unerwartete Aggressivität der modernen Wölfe. Auch die Wildschweine sind nicht mehr das, was sie einmal waren: Durch die großflächige Einführung von ungarischen Exemplaren und die zunehmende Kreuzung mit Hausschweinen haben sie sich verändert.
Bereits in den 1970er Jahren wurden Arten wie Rothirsche und Wildschweine aus anderen europäischen Ländern eingeführt, um die Bestände zu erhöhen. Diese neuen Rassen haben die einheimischen verdrängt, und heute bevölkern sie das toskanische Hinterland. Europäische Projekte, die sich mit der Erforschung dieser neuen Hybriden befassen, sind ein Zeichen dafür, dass die Wissenschaft versucht, den Wandel zu verstehen und zu bewältigen. Die Dokumentation „Once It All Seemed Like Countryside“ zeichnet ein erschreckendes Bild: Die Wälder wachsen auf Kosten der traditionellen Kulturlandschaft, und die Grenzen zwischen Wild und Domestizität verschwimmen zusehends.
Ein rumänischer Schafhirte, der wie viele andere auf der Suche nach Arbeit in die Toskana gekommen ist, steht mit einem toten Lamm da – ein stummer Zeuge der neuen Realität. Die Rentabilität der Schafhaltung sinkt, und die Hirten kommen oft aus dem Ausland. Die Natur erobert zwar zurück, doch der Mensch muss sich neu definieren – und seine Rolle in dieser neuen Welt finden.