Laufsteg-fokus auf kurven: ein trügerischer hoffnungsschimmer?

Die Modebranche, traditionell ein Spiegelbild idealisierter Schönheitsvorstellungen, scheint sich langsam zu wandeln. Immer häufiger tauchen Models mit unterschiedlichen Körperformen auf den Laufstegen von New York, London, Mailand und Paris auf – ein Signal, das viele als Zeichen des Fortschritts interpretieren. Doch eine genauere Betrachtung der Zahlen offenbart ein komplexeres Bild: Ist die vermehrte Präsenz von Kurvenmodels wirklich ein Wendepunkt, oder lediglich ein kurzlebiger Trend?

Die kalte realität der laufsteg-zahlen

Die aktuellen Daten von Vogue Business zeichnen ein ernüchterndes Bild. Von insgesamt 7.817 präsentierten Looks in den Herbst-/Winter-Kollektionen 2026 entfielen lediglich 0,3 % auf Plus-Size-Models (US 14+). Im Vergleich zum Vorjahr, als der Anteil bei 0,9 % lag, ist dies ein deutlicher Rückgang. Mid-Size-Models machten 2,1 % aus, ebenfalls weniger als in der vorherigen Saison. Die überwältigende Mehrheit – 97,6 % – wurde von Models mit Standardgrößen (US 0-4) repräsentiert. Diese Diskrepanz ist nicht nur besorgniserregend, sondern wirft auch Fragen nach der Aufrichtigkeit der Inklusionsbemühungen auf.

Die Verantwortlichkeit liegt bei den Marken, so die einhellige Meinung von Brancheninsidern. Casting Director Chloe Rosolek betont, dass es genügend Models mit Kurven gibt, die bereit sind, zu laufen, während Tiffany Hsu, Chief Buying Officer bei Mytheresa, auf die begrenzten Größenbereiche hinweist, die von den Marken angeboten werden. Der Unterschied zwischen dem, was auf dem Laufsteg präsentiert wird, und dem, was tatsächlich im Handel erhältlich ist, wird immer deutlicher.

Der einfluss der gesellschaft und der trends

Der vermehrte Fokus auf schlanke Silhouetten spiegelt einen tieferliegenden gesellschaftlichen Trend wider, der von zunehmendem Konservatismus, einem obsessiven Streben nach Selbstoptimierung und der wachsenden Verbreitung von GLP-1-Medikamenten geprägt ist. Diese Faktoren verstärken den Druck, einem unrealistischen Schönheitsideal zu entsprechen. Die wenigen Momente der Inklusion auf dem Laufsteg wirken daher oft wie isolierte Ausnahmen, die die Seltenheit von Kurvenmodels noch deutlicher hervorheben.

Mehr als nur ein laufsteg: die diskrepanz zwischen sichtbarkeit und kaufbarkeit

Mehr als nur ein laufsteg: die diskrepanz zwischen sichtbarkeit und kaufbarkeit

Eine aktuelle Vogue Business-Umfrage unter fast 700 Konsumenten zeigt, dass fast die Hälfte (48 %) sich unter Druck gesetzt fühlt, abzunehmen, um modisch zu sein. Ein signifikanter Anteil (63 %) dieser Personen sieht die Ursache für diesen Druck in Problemen mit der Größenverfügbarkeit beim Einkaufen. Besonders in Luxusmarken ist die Situation schwierig: 27 % der Plus-Size-Konsumenten geben an, ihre Größe „nie“ oder „meistens nicht“ finden zu können.

Christian Siriano, der Dritte in New York in dieser Saison, betont die Notwendigkeit, die Inklusion auch in der Produktion widerzuspiegeln. „Die Laufstege sind wichtig für die Sichtbarkeit, aber die Produktion ist das eigentliche Bekenntnis“, so Siriano. Es geht darum, die gleichen Design- und Qualitätsstandards für alle Größen zu gewährleisten.

Influencer Remi Bader, die ihre Plattform durch ehrliche Kleiderhauls und offene Gespräche über Körperbilder aufgebaut hat, bestätigt die Verwirrung vieler Konsumenten. Es sei frustrierend, Models mit Kurven auf dem Laufsteg zu sehen, die Kleidungsstücke dann aber nicht kaufen zu können.

Die zukunft der inklusion: mehr als nur ein trend

Die Modebranche steht vor der Herausforderung, über oberflächliche Repräsentation hinauszugehen und eine echte Inklusion zu schaffen, die sich in der Größenverfügbarkeit und im Marketing widerspiegelt. Nur so kann sie das Vertrauen einer vernachlässigten Kundengruppe gewinnen und langfristig erfolgreich sein. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Es braucht mehr als nur ein paar ausgewählte Models auf dem Laufsteg – es braucht eine grundlegende Veränderung in der Denkweise und den Praktiken der Modeindustrie.